Tour Diary

Balkan Tour 2003
Reisetagebuch von Johanna Lettmayer (Auszüge)
07.04.03 - 18.04.03 Graz - Belgrad - Sarajevo - Cetinje - Ulcinj - Tirana - Ohrid - Sofia - Graz

Montag, 7.4.
Graz. Wir verbringen den Vormittag auf dem Serbischen Konsulat. Auf die Frage, ob es in Serbien mit dem Strom für die Geräte Schwierigkeiten geben könnte, zuckt der Herr vom Konsulat zusammen, sagt: Was glauben Sie denn? Das ist Europa! Transitvisa. Zweimalige Aus- und Einreise.
Gibt es Schlafwagen? Nein, hat nicht geklappt. Hat wer ein Konzept? Eher nicht. Viele Fragen, wenige Antworten. Chaos.
17 Uhr Pressekonferenz, Buffet. 18:40 Uhr Abfahrt in Graz. 22 Uhr Zwischenstopp in Dobova, Slowenien. Der Schlafwagen im Zug nach Belgrad ist gesperrt.

Dienstag, 8.4.
Nach einer kühlen Nacht mit endlosen Passkontrollen: Erwachen mitten in der Vojvodina. Flaches Land, Morgengrauen. Belgrad, Schneetreiben, Wind, Kälte, Verspätung. Stevan kommt, um uns abzuholen. Hotel Beograd, einchecken, schnelle Dusche, Zigarette und raus. Zwei Stadtpläne: der eine ist veraltet, der andere in kyrillischer Schrift. Die Kälte treibt mich in ein Internetcafe. Verwirrung.

Mittwoch, 9.4.
Frühstück im Hotel Beograd. Mit Sabine in Richtung Festung am Spitz der Stadt. Aussicht. Wir haben es eilig. Der Bus geht um eins. Weite Landschaft, aber man sieht schon die Berge. Bosnien. Endlich! Wir passieren die Grenze bei Zwornik. Die Drina fließt vorbei, dick, ruhig und grün. Stausee Drinjaca. Pässe abgeben. Eiseskälte, Bergwind, kaputte Pipeline, Konvertibilne Marke, Nieselregen. In den Bergen Schnee, Eis, irrer Fahrstil und Überholmanöver, schöne Ausblicke. Dösen bis Sarajevo, Reste eines Sonnenuntergangs. Ankunft am Busbahnhof um ca. 22 Uhr. Alle steifgefroren. Vegetarisches Essen im Grill gegenüber. Mit drei Taxis in Richtung Hotel, quer durch Sarajevo. Hotel Saraj *** Luxus!!

Donnerstag, 10. 4.
Ausblick vom Frühstücksraum über die Stadt. Wir gehen gemeinsam los. Plakatwand warnt vor Minen: ca. 20 000 befinden sich rund um Sarajevo. Vom Spazieren ist abzuraten. Brücken über die Miljacka, klares Wasser, leichter Regen, Sonnenschein. Häuser mit Einschusslöchern, zerstörte Bibliothek. Carsija (Markt), bettelnde Frauen und Kinder, Silbergeschirr und Nippes. Weiter durch Einkaufsstraße, dann hinauf auf den Hügel. Steile Treppen, Kinder mit Schultaschen rutschen das Geländer hinunter. Gassen, niedrige Häuser, Sonne, zersplitterte Windschutzscheibe, Ziegelsteine, Nachmittagsgebet. Ich möchte länger hier sein, möchte gegen die Mauer gelehnt sitzen zuhören, jeden Tag. Kaffee vor einem Beisl. Die Süßspeisen leuchten in bunten Farben. Wir werden beäugt, beäugen. Ein kleiner Hund mit einem Tierkopf im Maul läuft vorbei, ich folge ihm. Ein Mann schreit, ich solle mich beeilen. Die Werbungen sind ungewohnt: Es wird mit Orangensaft für Orangensaft geworben, mit Waschmittel für Waschmittel. Kommunistische Wohnblöcke, relativ begrünt, teils ruiniert. Einschusslöcher, Graffiti auf den Treppen. Daneben Gondeln, die auf und abfahren. Ich erwarte oben eine Aussichtsterrasse, aber die Stadt geht weiter.

Freitag, 11.4.
Der Bus fährt um 9 Uhr ab. Wir werden gegen 17 Uhr in Cetinje ankommen. Unsere Route: Sarajevo, Rogatica, Gorazde, Foca, Hum, Scepan Polje, Rudinica, Jasenovo Polje, Niksic, Bogetici, Danitovgrad, Podgorica, Cetinje, Budva, Petrovac na moru, Bar, Ulcinj. Kleine einsame Häuser, ockerfarbenes Gras, schwarze Bäume. Rechts stürzt der Berg bis zur Drina hinunter, dann ein Stausee, grün, viele kurze Tunnel. Podgorica, 16 Uhr, Hauptstadt Montenegros, ca 150 000 Einwohner. (Ganz Montenegro hat ungefähr eine halbe Million.) Eine Stunde Fahrt bergauf durch steinige Hügel. Wir steigen aus, geben das Gepäck in einen Kleinbus und knipsen uns durch die Stadt. Cetinje. Touristenphotographie. Nahrungsaufnahme in einem rot gepolsterten Lokal. 19:30 Uhr Aufbruch. Novemberwetter. Die Berge und das Dorf in Nebelschwaden gehüllt. In langen Serpentinen schleifen wir den Berg hinunter. In Ulcinj haben fast alle Hotels noch geschlossen. Unseres gleicht einem Palast. Ankunft 22 Uhr. Gewitter treibt Wellen ans Ufer. Bleibe, bis ich nass bin von der Luft und vom Regen.

Samstag, 12.4.
Wir wollen uns Ulcinj anschauen. Sules Knie schmerzt. Langsam gehen wir alle ein. Wir verlassen Ulcinj um halb vier. Bergstraße durch Dörfer, kleine Hochebene, Ziegen, Schafe, Hühner, Pferde. Der Fahrer grüßt alle möglichen Leute. Er spricht Serbisch und Albanisch. Er sagt, dass Albanien das Ende der Welt ist. An der Grenze werden die Preise für die Visa ausgerufen: Österreicher 10 Euro, Serben 35 Euro, Tschechen 40 Euro. 18 Uhr, wir sind drin. Die Straße wird sofort schlechter. In jedem Garten stehen Bunker. Wein wächst und die Mandelbäume blühen weiß und fein in Reih und Glied. Frisch renovierte oder neue Häuser gelb/rot/weiß angestrichen, Gärten, Blumen. Kontraste. In Shkodra steigen wir aus. 19 Uhr und wir wechseln Fahrzeug und Fahrer, bekommen Anweisungen: Watch your stuff! Stay together! Don’t photograph or film! Don’t show what you have. Be careful! Sabine filmt heimlich aus ihrer Tasche. Der Fahrer ist Albaner. Er wird uns nach Tirana bringen. Er ist besorgt. Ich glaube, sie halten uns für verrückt. Tanken. Die Zapfsäulen sind aus Österreich. Sie zeigen den Betrag in Schilling an. Wir fahren an einem größeren Ort vorbei, sehen die Beleuchtung am Hang. Und ich dachte, um die Zeit gibt’s keinen Strom mehr. Aber ich denke sowieso in die falsche Richtung. Albanien war für mich ein Land über dem es blitzt und donnert. Polizeikontrolle. What’s your profession? Künstler, ach so, na dann… Tirana. Wir gehen ins nächste Restaurant am Central Square. Feines Premium Tirana Pils. Rakija und Kaffee. Alle sind erledigt. Wir kichern vor Müdigkeit und Anspannung. Gehen, fallen in unsere Betten.

Sonntag, 13. 4.
Ausschlafen. Eleni kommt um 10. Wir gehen mit ihr in das Cultural Art Center, das sie betreut. Wieder bin ich enttäuscht. Wenn man nicht aus dem Fenster schaut, könnte man meinen, man sei in Paris. Nur jetzt wirklich kein Strom. Die privaten Stromaggregate sind zu teuer um das Loch zu füllen: ca. vier Stunden. Es regnet, mein Stadtspaziergang fällt ins Wasser. In der National Gallery dreht mir der Portier extra das Licht auf. Photoausstellung. Ikonen. Expressionismus. Skulptur. Zeitgenössische Kunst.

Montag, 14. 4.
10 Uhr Abfahrt in Tirana. Gebirgszug am Grad entlang gefahren. 12 Uhr im Elbasani Tal. Kaffee. Unser Busfahrer genießt die Reise sichtlich. Erzählt, bleibt stehen, wenn jemand etwas photographieren will. 14:30 Uhr Grenze auf 1023 Meter Seehöhe. Makedonische Seite. Fast alles in Zivil. Ich vermute, es wird schnell gehen. Ein Grenzbeamter fragt Ales nach seinem Visum. Aber Ales hat kein Visum. Ales muss raus. Mir wird schlecht. Keine Chance. Ales muss draußen bleiben. Oder drinnen, wie man’s nimmt. Aussteigen mitten im Nirgendwo. Berge, Kälte, eisiger Wind. Take care! In den letzten 15 Minuten wurde ein Grenzbeamter von einem Mann mit einem Messer attackiert; einen anderen haben sie ins Gebäude gezerrt. Ales wird mit unserem Fahrer wieder nach Tirana fahren und dort an der Botschaft ein Visum besorgen. 16:40 Uhr Ankunft in Ohrid. Ich will nicht mehr.

Mittwoch, 16.4.
Ohrid. Ein Dorf an einem See. 300 Meter tief. 22 Meter klare Sicht. Einzigartiges Klima, Fische. Die reichste Gegend Makedoniens. 19:15 Uhr Abfahrt nach Sofia. Zwischenstopp in Skopje. Menschen steigen zu. Es wird eng. Ich schlafe. Ankunft in Sofia um 6 Uhr. Es ist stockdunkel. Nur mehr wenig Energie seit der Makedonischen Grenze. Gepäck abgeben, übernächtig. Sules Kreislauf am Boden. Stevan erfährt, dass er abfahren muss. Es wird hell. Sabine hat die Farbe der Wand des Cafés angenommen. Das Zentrum hat einen Ring, wie Wien. Regen. Mit den Nerven am Ende. Sabine tanzt zu 80er Hits, schneidet Grimassen. Mails gecheckt. Ales geht es gut. Art Hostel. Wir schlafen alle in einem Zimmer. Drei Stockbetten und eine Matratze am Boden.

Donnerstag, 17.4.
Keine Energie für gar nichts. Schleppe mich durch die Stadt. Einkaufsstraßen, kleine Marktstände, Hauptstadt und Dorf in einem. Wir warten stundenlang bei der Herberge. Sollen noch eine Kulturfabrik besuchen. Gruppenreisen. Ich säße am liebsten schon im Zug, zurück nach Belgrad. Jetzt sind sie endlich da. Wir fahren durch Sofia. Beim Bahnhof vorbei, ins Industriegebiet. Alles stillgelegt. Großer grüner Garten, blühende Sträucher und Blumen, Hunde, tobend. Früher waren hier Büros für Möbeldesigner. Graffiti und Zeichnungen an den Wänden, eine Holzwerkstatt, ein Tanzraum, Gemeinschaftsküche, Privatzimmer, leerstehende Räume, Flachdach mit Aussicht auf die Industriezone und die Gebirge links und rechts, rot weiß rote Schornsteine. Bahnhof. Mit Paula, Sule und Sabine im Schlafabteil. Wir gackern wie die Hühner. Endlich im Zug! Grenze nach Serbien um ca. 23 Uhr passiert.

Freitag, 18.4.
5:30 Uhr Es klopft an die Tür. Beograd! Beograd! Hektik. Aussteigen. Zug nach Zagreb fährt in 7 Minuten. Kurzer, schmerzloser Abschied. Weiterfahrt in offenem Abteil. Zagreb. Ein letztes Umsteigen. Geschafft.

mur.at
Graz 2003
Kunsthaus Graz
Das Land Steiermark